Adultismus: Definition und Erläuterung

Der Begriff Adultismus leitet sich von dem englischen Begriff "adult" (Erwachsene) ab. Adultismus benennt das ungleiche Machtverhältnis zwischen "Erwachsenen" und "Kindern". Er bezeichnet die Unterdrückung und Diskriminierung von jüngeren Menschen und "verweist auf die Einstellung und das Verhalten Erwachsener, die davon ausgehen, dass sie allein aufgrund ihres Alters intelligenter, kompetenter, schlicht besser sind als Kinder und Jugendliche und sich daher über deren Meinungen und Ansichten hinwegsetzen." 1  Er beruht auf der gesellschaftlichen Herstellung von Differenz entlang der Kategorie Alter und den darauf bezogenen Bewertungen aus der Perspektive der Erwachsenen, wie sie sich in gesellschaftlich geteilten Bildern und Vorstellungen, also Zuschreibungen manifestieren. 2

Beispiele für adultistisches Verhalten reichen von leicht als solches erkennbaren Formen wie physischer Gewaltanwendung, Bestrafung und lauter Beschimpfung bis zu subtilen wie ungefragtes Belehren, Beschämen, Unterbrechen, Loben und Belohnen, Belächeln, Liebesentzug, Schuldzuweisungen und Gesprächen oder Blicken der Erwachsenen untereinander in Bezug auf das Kind. 3

Adultismus und andere Diskriminierungsformen

Adultismus steht in verschiedener Hinsicht in Beziehung zu anderen Diskriminierungsformen. Zum einen lässt sich Adultismus als modellhaft für andere Diskriminierungsformen begreifen. Ritz (2008:13) beschreibt es folgendermaßen: "Adultismus ist die erste fundamentale Unterdrückungserfahrung eines jeden Menschenlebens. In einem Alter, in dem Lernen oft unbewusst erfolgt erleben wir, wie sich Macht, Machtmissbrauch und Machtlosigkeit anfühlen und wie Machtspiele funktionieren. Als Kinder werden wir darauf konditioniert, dass es 'normal' ist, dass es ein 'Oben' und ein 'Unten' gibt und dass es erstrebenswert ist, 'oben' zu sein. Diese Konditionierung mag ausschlaggebend dafür sein, dass wir auch andere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Ageismus, Heterosexismus, Ableismus als 'normal' hinnehmen und daher nicht erkennen, manifestieren oder im wehrhaften Umgang mit derartigen Folgediskriminierungen immer wieder kläglich scheitern." Auch Richter (2013) sieht Adultismus als "erste erlebte Diskriminierungsform", die die Grundlage für die Naturalisierung von ungleichen Machtverhältnissen und für die Akzeptanz von Abwertung bildet – ein Muster, das dann auf andere Gruppen übertragen und angewandt werden kann. Es komme zudem nicht selten vor, dass die Kinder, die sich dagegen wehren zu diskriminieren, von Älteren unter Druck gesetzt werden und dass ihr Widerstand gegen Rassismus mit adultistischen Mitteln gebrochen wird. 4

Für ManuEla Ritz besteht darüber hinaus eine Ähnlichkeit zwischen Rassismus und Adultismus darin, dass "beispielsweise Schwarze Menschen, selbst wenn sie längst erwachsen sind, manchmal wie Kinder behandelt werden. Zum Beispiel, indem sie geduzt werden oder selbst mir, als erwachsener Schwarzer Frau, immer noch von fremden Menschen in die Haare gefasst wird. Das, was manche Erwachsene mit Kindern einfach so tun, weil sie Kinder sind, bleibt bei Schwarzen Menschen manchmal bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen." 5

Zum anderen ist Adultismus nicht isoliert zu sehen, sondern wirkt mit Rassismus, Sexismus sowie anderen Formen von Diskriminierung zusammen und verursacht im jeweiligen Zusammenspiel spezifische Diskriminierungserfahrungen. 6

Adultismus im pädagogischen Bereich

Adultismus als Machtverhältnis manifestiert sich in pädagogischen Praxen etwa in Kindertageseinrichtungen. Die Macht der Erzieher_innen gegenüber den Kindern beruht grundlegend auf ihrem Erwachsensein und im Besonderen auf ihrer Funktion und Position in der Institution und ihrem offiziellen Erziehungsauftrag. 7 Zudem müssen je nach Positionierung der_des jeweiligen Erziehers_Erzieherin auch im Hinblick auf das Machtverhätlnis das Zusammenspiel von Adultismus mit anderen Diskriminierungsformen wie etwas Rassismus, Sexismus, Abelismus im Blick behalten werden. 8

Konkret auf den Berufsalltag bezogen lassen sich vier Dimensionen der Macht feststellen, die im Projekt "Kinderstube der Demokratie" erarbeitet worden sind. 9 Dabei handelt es sich um Handlungs- und Gestaltungsmacht 10 , Verfügungsmacht über die Ressourcen, Definitions- und Deutungsmacht sowie Mobilisierungsmacht. 11

Merkmale einer adultismuskritischen Haltung

Eine adultismuskritische Haltung "auf zwischenmenschlicher Ebene basiert auf einer gleichwertigen und gleichwürdigen Beziehung, in der auch die jüngere Person gesehen und respektiert wird und ihre Bedürfnisse, Perspektiven und Kompetenzen ernst genommen werden. Eine adultismuskritische Haltung wird also insbesondere in dem Verhältnis zwischen erwachsenen und jüngeren Personen sichtbar." 12 Ritz (2017:190) macht das Vorliegen einer gesellschaftlich relevanten Diskriminierungsform u. a. daran fest, "ob bestimmte Regeln und Gesetze ins Leben gerufen wurden, die [– wie im Fall von Adultismus –] ausschließlich für diese Personengruppe gelten". Eine adultismuskritische Haltung erfordert demnach etwa eine Hinterfragung solcher Regeln im Hinblick auf ihre Funktionen, etwa ob sie dem_der Erwachsenen zur eigenen Bequemlichkeit, zur Überlegenheitsdemonstration oder tatsächlich zum gerechtfertigten Schutz des Kindes dienen (Ritz 2017:190f). Grundlegend für eine adultismuskritische Haltung ist die stetige Reflexion der eigenen Machtposition sowie der eigenen Normalitätsvorstellungen und damit verbunden ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Macht.

Projekte

Die Frage nach den Machtverhältnissen zwischen Erwachsenen und Kindern findet sich in der Fachliteratur selten beschrieben und ist in der pädagogischen Praxis kaum bekannt. 13 Einen zentralen Bezugspunkt bildet das Anliegen der Sensiblisierung für Adultismus im Projekt "Demokratie leben – von Anfang an! Demokratieförderung in DRK-Kindertageseinrichtungen" des Deutschen Roten Kreuzes (Bundesprogramm "Demokratie leben!", Kooperationsprojekt "Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung"). Den inhaltlichen Ausgangspunkt des Projektes bildet des DRK-Curriculum "Was MACHT was?!", auf das auch in der vorangehenden Darstellung Bezug genommen wurde. Die Idee dahinter ist, dass Fachkräfte sich mit ihren eigenen Demokratie- und Machterfahrungen auseinandersetzen und ihre professionelle Arbeit vor diesem Hintergrund reflektieren. So wird eine wertvolle Grundlage geschaffen, eine Haltung zu stärken, die Kindern Spielräume zur Partizipation und Teilhabe eröffnet. Im Rahmen des Projekts werden Fach- und Praxisberater_innen zu den Inhalten des Curriculums geschult. Ziel ist es, dass die ausgebildeten Multiplikator_innen das erlangte Wissen an andere Teams und Fachkräfte weitergeben. Neben den Multiplikator_innenschulungen werden Workshops zu fachpraktischen Fragestellungen der Demokratieförderung in Kindertageseinrichtungen durchgeführt. Daraus wird unter Mitwirkung von Fachkräften und Elternvertretungen eine Handreichung für die Praxis erstellt. Ein weiteres Vorhaben ist die Entwicklung eines Kinderbuches, dass sich dem Thema Adultismus – der Diskriminierung von Kindern auf Grundlage eines bestehenden Ungleichgewichts zwischen Erwachsenen und Kindern – widmet.


Quellen und Literaturhinweise

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2016): "Einen Gleichwertigkeitszauber wirken lassen …" Empowerment in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit verstehen. Berlin

Hansen, Rüdiger; Knauer, Raingard; Sturzenhecker, Benedikt (2011): Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern. Bonn: verlag das netz

Richter, S. (2013): Adultismus: die erste erlebte Diskriminierungsform? Theoretische 
Grundlagen und Praxisrelevanz. (https://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_richter_2013.pdf)

Ritz, ManuEla (2017): Adultismus – (un)bekanntes Phänomen: "Ist die Welt nur für Erwachsene gemacht?" In: Handbuch Inklusion. Grundlagen einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung. Verlag Herder 2008, S. 128-136 (Erstausgabe 2013, überarbeitete Neuausgabe 2017) 

Tanyılmaz, Tuğba (2013): Intersektionale Pädagogik: Handreichung für SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen, Lehrkräfte und die, die es noch werden wollen. http://ipaed.blogsport.de/images/IPD.pdf

Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg (2016). Herausgegeben von Deutsches Rotes Kreuz,  Berlin


1 Ritz 2017:185. zurück zum Inhalt
2 Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg, S. 8. "Je nach Alter werden Eigenschaften, Lernprozesse, Bedürfnisse usw. zugeschrieben. Kindern wird zum Beispiel zugeschrieben, egoistisch, vielleicht trotzig, aber auch niedlich, rücksichtslos, unreif oder nicht vertrauenswürdig zu sein. Erwachsene werden demgegenüber als schlau, erfahren, weitsichtig, verantwortungsvoll und vertrauenswürdig gedacht und wahrgenommen. zurück zum Inhalt
3 Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg, S. 12. zurück zum Inhalt
4 Vgl. NBCI 2004:15 nach Richter 2013:9. zurück zum Inhalt
5 Amadeu Antonio Stiftung 2016:8. zurück zum Inhalt
6 Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg, S. 14. zurück zum Inhalt
7 Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg, S. 13. zurück zum Inhalt
8 Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg, S. 13. zurück zum Inhalt
9 Ausführlich in Hansen/Knauer/Sturzenhecker 2011. Zusammenfassung und Erläuterungen finden sich auch in Was MACHT was?!, Modul MACHTvoller Einstieg, S. 13. zurück zum Inhalt
10 Wie etwa die Einteilung der Kinder in Gruppen, Festlegung des Tagesablaufs, Gestaltung der Räume, Lenkung der Gruppenprozesse.  zurück zum Inhalt
11 Die Macht der pädagogischen Fachkraft, Kinder aufgrund ihrer Zuneigung für sie als Bezugsperson für eigene Ideen und Vorstellungen zu gewinnen. zurück zum Inhalt
13 Ritz 2017:185. zurück zum Inhalt
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