Die Rassismuskritik ist im deutschsprachigen Raum eng mit der Migrationspädagogik verbunden 1 . Rassismuskritik versteht Rassismus als eine Ordnung, in der wir alle leben und die das Zusammenleben prägt. In dieser Ordnung gibt es „hierarchisierende[...] und oppositionelle[...] Unterscheidungen“ 2

Es wird also behauptet, dass es auf Grund von Herkunft, Aussehen, Sprache oder Religion grundsätzliche Unterschiede zwischen Menschen geben würde.

In diesem System der Unterschiede ist festgelegt, was als gut, schön oder wünschenswert gilt und was als minderwertig. Diese Unterscheidungen drücken sich auch in Symbolen in unserem alltäglichen Leben aus und produzieren Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. So werden die einen z. B. seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, da ihnen aufgrund ihres Aussehens und den damit verbundenen Zuschreibungen weniger Kompetenzen zugetraut werden. Gleichzeitig bekommen andere leichter einen Mietvertrag, da sie auf Grund ihres ‚deutsch klingenden‘ Namens als wahrscheinlich 'bessere' Mieter_innen gesehen werden. Rassismus ist damit Teil der Lebenswirklichkeit aller Menschen, auch von denen die durch Rassismus Vorteile haben. Dabei betrifft Rassismus aber nicht alle Personen auf die gleiche Art und Weise; ausgehend von und legitimiert durch eine rassistische Unterscheidungspraxis werden Menschen unterschiedliche, privilegierte oder nicht-privilegierte Positionen zugewiesen. Somit wird Rassismus nicht wie so oft als individuelles Einstellungsmuster betrachtet, sondern als gesellschaftliche produzierte Erscheinung 3 .

Jede Person in dieser Gesellschaft besitzt auf Grund ihrer Sozialisation rassistisches Wissen, kennt also Stereotype und Zuschreibungen, z. B. durch Kinderbücher, Filme oder Comedy-Shows. Rassismus ist aber mehr als Meinungen oder Handlungen von einzelnen Menschen. Es geht also nicht nur um Leute, die sich offen rassistisch äußern, sondern auch darum wie (teilweise unbewusste) Annahmen dazu führen, dass Ungleichheit entsteht, z.B. wenn Kinder mit einem sogenanntem ‚Migrationshintergrund‘ seltener Empfehlungen für das Gymnasium bekommen oder sich rassistische Vorbehalte in Gesetzten widerspiegeln. Anstatt das Problem nur bei einzelnen Menschen zu suchen, wird die Gesellschaft als Ganzes in den Blick genommen.

In Deutschland zeichnete sich die Diskussion 4 über Rassismus lange Zeit durch Schweigen oder den alleinigen Bezug und Verweis auf den Nationalsozialismus aus 5 . Dies ist aus verschiedenen Gründen problematisch. So wird „die Tatsache verkannt, dass Rassismus in Deutschland auch bereits vor dem Nationalsozialismus als Ideologie und Handlungspraxis bedeutsam war, nämlich zur Zeit des deutschen Kolonialismus“ 6 . Zudem wird verhindert, „dass die Perspektive ‚Rassismus‘ zur Analyse gegenwärtiger Verhältnisse eingesetzt wird“ 7 und damit auch nicht als Ursache gesellschaftlicher Probleme in Frage kommt.  

Rassismuskritik nutzt eben diese Perspektive um „zum Thema [zu] machen, in welcher Weise, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Selbstverständnisse, Handlungsweisen und das Handlungsvermögen von Individuen, Gruppen und Institutionen durch Rassismen vermittelt sind“ 8 . Zudem beinhaltet Rassismuskritik „macht- und selbstreflexive Betrachtungsperspektiven auf Handlungen, Institutionen, Diskurse und Strukturen“ 9 .

Leider gibt es dafür kein Patentrezept, deshalb sucht Rassismuskritik „als eine Haltung und als eine Praxis […] nach Veränderungsperspektiven und alternativen Selbstverständnissen und Handlungsweisen, von denen weniger Gewalt ausgeht“ 10 . Ebenso wie die Migrationspädagogik ist es kein Anliegen von Rassismuskritik allgemein anwendbare Handlungsvorgaben zu formulieren 11 . Rassismuskritik ist vielmehr als widerständige Praxis in ständiger (Selbst-) Reflexion zu verstehen.


Quellen  

Fereidooni, Karim/Massumi, Mona (2015): Rassismuskritik in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 65. Jg., Nr. 40, S. 38-43

Linnemann, Tobias/ Mecheril, Paul/ Nikolenko, Anna (2013): Rassismuskritik. Begriffliche Grundlagen und Handlungsperspektiven in der politischen Bildung. In: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 36. Jg., Nr.2, S. 10-14

Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik, Weinheim und Basel: Beltz 

Mecheril, Paul/ Melter, Claus (2010). Gewöhnliche Unterscheidungen. Wege aus dem Rassismus. In: Andresen, Sabine/ Hurrelmann, Klaus/ Palentien, Christian/ Schröer, Wolfgang (Hg.): Migrationspädagogik. (Reihe Bachelor/Master). Weinheim und Basel, S. 150-178

Mecheril, Paul (2016): Migrationspädagogik – ein Projekt. In: Mecheril, Paul (Hg.): Handbuch Migrationdpädagogik, Weinheim und Basel, S. 8-30

Messerschmidt, Astrid (2010): Distanzierungsmuster. Vier Praktiken im Umgang mit Rassismus. In: Broden, Anne/Mecheril, Paul (Hg.): Rassismus bildet. Bielefeld, S. 41-57
1 Quelle: Mecheril 2004 zurück zum Inhalt
2 Quelle: Linnemann et al. 2013, S. 10 zurück zum Inhalt
3 Quelle: vgl. Mecheril/Melter 2010, S. 155 zurück zum Inhalt
4 Astrid Messerschmidt spricht von vier Distanzierungsmustern im Umgang mit Rassismus: Skandalisierung, Verlagerung in den Rechtsextremismus, Kulturalisierung und Verschiebung in die Vergangenheit (vgl. Messerschmidt 2010) zurück zum Inhalt
5 Quelle: vgl. Fereidooni/Massumi 2015 zurück zum Inhalt
6 Quelle: Mecheril/Melter 2010, S. 164 zurück zum Inhalt
7 Quelle: Mecheril/Melter 2010, S. 164 zurück zum Inhalt
8 Quelle: Linnemann et al. 2013, S.11 zurück zum Inhalt
9 Quelle: Mecheril/Melter 2010, S. 172 zurück zum Inhalt
10 Quelle: Linnemann et al. 2013, S.11 zurück zum Inhalt
11 Quelle: vgl. Mecheril 2016, S. 8 zurück zum Inhalt
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