Die Interkulturelle Pädagogik entstand zu Beginn der 80er Jahre im Zuge der Kritik an dem defizitären Blick auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergund und der damit verbundenen segregativen Bildungspraxen, wie er für ausländerpädagogische Ansätze typisch ist. 1

Als Fortschritt wird gewertet, dass in der Interkulturellen Pädagogik gesellschaftliche Probleme nicht mehr einseitig auf vorgebliche Defizite der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und ihrer Familien zurückgeführt werden. Stattdessen werden "nicht zu vereinbarende kulturelle Unterschiede (Differenzen)" für die Entstehung interkultureller Konflikte und Missverständnisse verantwortlich gemacht. Dementsprechend zielt die Interkulturelle Pädagogik auf die Erziehung aller Gesellschaftsmitglieder – sowohl der als „kulturell anders“ markierten als auch der als einheimisch/deutsch verstandenen Kinder und Jugendlichen – zum adäquaten Umgang mit nationaler und kultureller Differenz. Eine kritische Betrachtung der Bildungsinstitutionen und pädagogischen Praxen selbst umfasste das Konzept jedoch nicht. Die Ausweitung der Adressat_innengruppe hatte zwar den in den 80er Jahren öffentlich stärker sichtbaren Rassismus in der BRD zum Hintergrund, doch der Rassismus selbst wurde innerhalb der Interkulturellen Pädagogik selbst nicht thematisiert, wenn auch als Leitmotive das Streben nach Gleichheit aller, ungeachtet der Herkunft, und die Wertschätzung der Migrant_innen und ihrer (vermeintlichen) Kultur gelten.  

Die Interkulturelle Pädagogik zeichnet sich durch folgende Merkmale und Grundannahmen aus:

  • das Aufeinandertreffen von Migrant_innen und Einheimischen/Deutschen lässt keine Gemeinsamkeiten, sondern vielmehr grundlegende Unterschiede hervortreten; dies impliziert abgrenzbare, konkurrierende Normen und Werte in der Lebensgestaltung 
  • die Fremdheit der vermeintlich Anderen wird zum Lernanlass und zur Lernnotwendigkeit erhoben, ganz nach der Devise: das Zusammentreffen zweier Kulturen kann nicht gut gehen und bedarf daher einer speziellen Vermittlung und Verständigung
  • eine wichtige Bildungsaufgabe ist die Befähigung zum interkulturellen Dialog zwischen Migrant_innen und Einheimischen/Deutschen und die Verständigung mit einem kulturell Anderen/Fremden, die durch Vermittlung von Wissen über die jeweils andere Kultur erreicht werden soll
  • durch Kontakte und Austausch sollen Voruteile abgebaut werden und aus der Reflexion der eigenen Denkbarrieren neue Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber den jeweils Anderen folgen
  • durch ein pädagogisch angeleitetes interkulturelles Lernen soll ein harmonischeres Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft angeregt werden

Die Kritik an der Interkulturellen Pädagogik lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Überbewertung von Kultur und Ausblendung von Missständen:

  • Kritik an der Annahme, dass die Kategorie kulturelle Differenz  als entscheidendes Bestimmungselement zur Erklärung von Konflikten in der Einwanderungsgesellschaft angesehen wird --> d. i. eine Kulturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse ohne Berücksichtigung der Frage: Inwieweit ist Kultur die angemessene Kategorie, um die migrationsgesellschaftlichen Herausforderungen und die mit ihr einhergehenden Pluralitäten zu analysieren und angemessenere pädagogische Praxen zu entwickeln 
  • einhergehend mit der Überbewertung des Faktors Kultur: unzulässige Ausblendung rechtlicher, sozialer, politischer, wirtschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse; harmonische Zielzustände wie Frieden, Respekt, Gewaltfreiheit und Toleranz implizieren eine problematische Verkürzung, verdrängen Erfahrungen von vielfältiger Benachteiligung und Rassismus, so dass diese gar nicht thematisiert werden
  • zwar plädiert der Interkulturelle Ansatz für die Anerkennung der Migrant_innen, doch werden sie den Mehrheitsangehörigen nicht gleichgestellt
- Kritik am Kulturbegriff
  • Kritik an statischem Kulturbegriff:
    • Vorstellung von fixen Eigenschaften, die den Anderen angeblich anhafteten – Menschen werden als durch eine national definierte Kultur unveränderlich in ihrem Wesen bestimmt wahrgenommen
    • diese Vorstellung trägt dazu bei, gefasste Vorurteile aufrechtzuerhalten und Effekte von Kulturalisierung weiter zu bestärken
  • Ansatz binärer Gegensätzlichkeiten zwischen Migrant_innen und Einheimischen/Deutschen führt zu Überbetonung, gar Dramatisierung von Unterschieden und verstellt den Blick auf Differenzierungen [Diversität] innerhalb der vermeintlich kulturell homogenen Gruppen
  • Reduktion der Kinder und Jugendlichen auf ihre (vermeintliche) Herkunftskultur --> Veranderung/VerAnderung (Othering)
  • die Fähigkeit, sich aktiv und kreativ zu verschiedenen kulturellen Bezügen zu verhalten, wird den Kindern und Jugendlichen mit Migrationserfahrungen/-hintergrund abgesprochen – dabei sind kulturelle Identitäten/Differenzen als flexible Kategorien zu fassen, die nicht feststehen, sondern beständig in Entwicklung sind, in unterschiedlichen sozialen Kontexten variieren und in Interaktionen beständig neu ausgehandelt werden 
  • der pädagogische und gesellschaftliche Diskurs um kulturelle Unterschiede, unterschiedliche Mentalitäten und Kulturkonflikte führt dazu, dass sich problematische und problematisierende Sichtweisen auf Jugendliche of Color etablieren, die sie in einengenden Rollen und Positionen gefangen halten

Zahlreiche Organisationen, Projekte und Initiativen, die in ihren Selbstbezeichnungen bzw. in den Bezeichnungen ihrer Bildungsangebote Ableitungen des Begriffs "Interkulturalität" ("Interkulturelle Pädagogik", Interkulturelle Öffnung", "Interkulturelles Lernen", "Interkulturelle Bildung", "Interkulturelle Kompetenz" etc.) führen, legen jedoch in ihrer Arbeit rassismus-, diskriminierungs- und machtkritische Standards zugrunde, thematisieren den problematischen Kulturbegriff und passen den Kulturbegriff entsprechend an. Zunehmend gehen Organisationen auch dazu über, ihre rassismus-, macht- bzw. diskriminierungskritische Perspektive nach außen zu tragen und folglich die entsprechenden Begriffe in ihrer Außendarstellung und für die Beschreibung ihrer Zugänge und Bildungsangebote (teilweise parallel) zu verwenden. 2

Siehe auch --> Ausländerpädagogik


1 In ausländerpädagogischen Ansätzen sind die Adressat_innen der Bildungsangebote die Kinder der Gastabeiter_innen/Ausländerkinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund. zurück zum Inhalt

2 So etwa das durch das Bundesprogramm "Demokratie leben!" geförderte Modellprojekt (NARUD) "Prävention und Intervention durch interkulturelle Pädagogik" des Network African Rural and Urban Development e. V. in seiner Projektbeschreibung: Das Konzept der "Interkulturellen Pädagogik" wird im Projekt nicht als das "Zwischen" zwei klar abgrenzbaren Kulturen stattfindende gesehen, sondern im kohäsionsorientierten Verständnis als Begleitung in die Multikollektivität von Personen und Gruppen. Begrifflich wird daher mitunter auch von Transkulturalität gesprochen. zurück zum Inhalt


Quelle: Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW) (Hg.) (2016): Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln – Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf, 65.

--> Quelle: Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW) (Hg.) (2016): Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln – Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf, 65 


Quellen:

Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit
in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW): Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf 2016

Kiesel, Doron: "Jung, fremd, defizitär und bereichernd". Zum interkulturellen Diskurs in den Erziehungswissenschaften. Vortrag im Jugendhof Rheinland. Königswinter 2001

Mecheril, Paul: Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz 2004
Ausgewählte Bildungsmaterialien
zu den Themen:
Demokratieförderung
Frühprävention im Grund- und Vorschulalter
Vielfaltgestaltung
Rassismus
Antimuslimischer Rassismus
Antiziganismus
Antisemitismus
Flucht und Asyl
Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft
Homo-, Trans*- und Inter*feindlichkeit
Extremismusprävention
Rechtsextremismus
Religiöser Fundamentalismus
Nationalsozialismus