Die Migrationspädagogik wurde zu Beginn der 2000er Jahre erstmals von Paul Mecheril als eine Perspektive auf das Verhältnis von Pädagogik und Migration systematisch dargestellt. 1 Im Unterschied zu den kulturalisierenden Herangehensweisen der Ausländerpädagogik und Interkulturellen Pädagogik setzt die Migrationspädagik kulturelle Differenzen nicht voraus, sondern stellt die angenommene Naturhaftigkeit und die vermeintliche Unveränderlichkeit, die Kulturen zugesprochen wird, sogar infrage. "Kulturelle Differenz" wird nicht als selbstverständlich existenter Unterschied, sondern als Praxis des Unterscheidens betrachtet, auf die unter bestimmten Bedingungen Akteure (z. B. Pädagog_innen) zurückgreifen. Als solche wird sie anhand folgender Leitfragen analysiert (Mecheril 2010:19):

  • Wie werden Menschen zu (Migrations)Anderen 2 gemacht?
  • Wem nutzt die Hervorbringung eines fremden (Migrations)Anderen? 
  • Wie sind die (pädagogisch) Handelnden an dem Akt der Erzeugung von Unterschieden der (Migrations)Anderen gegenüber den Mehrheitsangehörigen beteiligt? 
  • Welche Relevanz kommt der Frage nach Zugehörigkeit im gesellschaftlichen Zusammenleben zu und wer entscheidet darüber?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Migrationspädagogik sich damit befasst, wie (Nicht-)Zugehörigkeiten unter den bestehenden rassistischen Machtverhältnissen politisch, kulturell, juristisch und in Interaktionen hergestellt werden, also wie natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeitsordnungen konstruiert werden, innerhalb derer Menschen unterschieden und so positioniert werden, dass ihnen unterschiedliche Werte der Anerkennung und Möglichkeiten des Handelns zugewiesen werden. Die Gruppe, die in dieser Konstellation als die andere/fremde bzw. nicht zugehörige definiert wird, wird mit negativen Eigenschaften (explizit oder implizit) versehen, die herangezogen werden, um eine ungleiche Verteilung von Ressourcen und Rechten zwischen Privilegierten und Deprivilegierten zu legitimieren und zu stabilisieren. Die Wir-Gruppe verfügt über die Macht, sich von den Anderen durch Zuschreibungsprozesse abzugrenzen und sich als überlegen darzustellen.

Ziel der Migrationspädagogik ist es, herauszuarbeiten, was Pädagogik bzw. pädagogisches Handeln zur (Re-)Produktion dieser Ordnung leistet und welche Möglichkeiten der Veränderung und Schwächung dieser Ordnung gegeben sind und entwickelt werden können. Dabei geht die migrationspädagogische Perspektive von der rassismuskritischen Grundannahme aus, dass Bildungsinstitutionen keine machtfreien bzw. rassismusfreien Räume sind und Lernen, Erziehung und Bildung nicht neutral sein können. Daher müsse es im (eigenen) pädagogischen Alltag darum gehen, zu erkennen, inwiefern bildungsinstitutionelle Praxen selbst zu Ausgrenzung beitragen. Konkret formuliert werden hierzu in der Fachliteratur folgende Maßnahmen 4 :

  • Kritik an und Bewusstmachung von Othering-Prozessen
  • Anerkennung von natio-ethno-kulturellen Mehrfachzugehörigkeiten
    • zur Überwindung der binären Spaltung in ein Wir und Nicht-Wir/die Anderen
    • als Möglichkeit der Verflüssigung der vermeintlich kulturellen Differenzen ausweiten und stärken
    • zur Etablierung eines neuen Verständnisses von Identitäten: natio-ethno-kulturelle Positionen werden als Mehrfachzugehörigkeit verstanden, die sich im biografischen Verlauf verändern können und die Möglichkeit beinhalten, gleichzeitig mehreren natio-ethno-kulturellen Kontexten anzugehören, sich diesen verbunden zu fühlen und in diesen handlungsfähig zu sein
    • gegen die Festlegung auf eine natio-ethno-kulturell andere Herkunft, die die Zugehörigkeit zu Deutschland infrage stellt mit Rücksichtnahme auf die Lebensrealität von Jugendlichen, die oft von Erfahrungen verweigerter Anerkennung geprägt ist
  • Anerkennung und Thematisierung von Rassismuserfahrungen/verweigerter Anerkennung: ggf. durch die Schaffung von [geschützten] Räumen, in denen Rassismus erkannt und benannt werden kann und in denen Rassismuserfahrungen zur Sprache kommen können, ohne bagatellisiert und infrage gestellt zu werden
  • systematischer rassismuskritischer Blick auf institutionelle und strukturelle Verhältnisse sowie Thematisierung rassistischer Wissensbestände, die das pädagogische Handeln und die unterschiedlichen Bildungseinrichtungen maßgeblich bestimmen  
  • Problematisierung der Idee von Integration als von "Migrierenden" zu erbringende Leistung – die migrationspädagogische Perspektive sieht hier alle Akteur_innen in schulischen und außerschulischen Bildungskontexten und insbesondere Pädagog_innen in der Verantwortung, da ihnen die machtvolle Position zukommt, die Bildungssettings zu gestalten
Anliegen der Migrationspädogik ist es nicht, konkrete allgemein anwendbare Handlungsvorgaben zu formulieren. Sie fordert vielmehr "eine kritische, achtsame und wertschätzende Haltung, gekoppelt mit dem Bewusstsein darüber, wie die Pädagog_innen selbst in rassistische Machtverhältnisse verstrickt sind, sodass erkannt werden kann, wann sie selbst rassistische Unterscheidungen bewusst oder unbewusst praktizieren oder diese stillschweigend zulassen" (IDA-NRW 2016:71). Mecheril selbst bezeichnet die Migrationspädagogik "[...] aus systematischen wie empirischen Gründen [als] ein konstitutiv unabgeschlossenes, sich revidierendes und differenzierendes, sich fortsetzend präzierendes Projekt [...] als selbstreflexive Such-Bewegung in einem [...] von zunehmenden Distinktionspraktiken geprägten akademischen, bildungspolitischen und -praktischen Feld." (Mecheril 2016:8)

Quelle: Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW) (Hg.) (2016): Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln – Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf, 65.

--> Quelle: Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW) (Hg.) (2016): Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln – Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf, 65



Quellen 

IDA-NRW (2016): Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW) (Hg.) (2016): Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln – Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf.

Mecheril, Paul; Castro Valera, María de Mar; Dirim, Inci; Kalpaka, Annita; Melter, Claus (2010): Bachelor/Master Migrationspädagogik. Beltz Verlag. Weinheim und Basel 

Mecheril, Paul (Hg.) (2016): Handbuch Migrationspädagogik. Beltz Verlag. Weinheim und Basel 



1 Siehe Mecheril 2004. Der Ausdruck "Migrationspädagogik" wurde in den 1980er und 1990er Jahren benutzt, allerdings "ohne expliziten Angaben zu der mit dem Ausdruck verknüpften pädagogischen Perspektive [...]". Näheres siehe Mecheril 2004:18.
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2 Die Bezeichnung "Migrationsandere" bezieht sich nach Mecheril (2010:17) nicht auf eine real existierende Personengruppe, sondern bringt zum Ausdruck, dass es "Migrant_innen" und "Ausländer_innen" und komplementär "Nicht-Migrant_innen" und "Nicht-Ausländer_innen" nicht an sich, "sondern nur als relationale Phänomene gibt." Der Begriff verweise auf "Kontexte, Strukturen und Prozesse der Herstellung der in einer Migrationsgesellschaft als Andere geltenden Personen." Im Handbuch Migrationspädagogik (Mecheril 2016:11) werden Migrationsandere als "migrationsgesellschaftlich als Andere Geltende" umschrieben.
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4 Siehe hierzu das Kapitel "Vom Defizitblick über Differenzdenken zur Machtkritik — Ein Blick auf pädagogische Konzepte in der Migrationsgesellschaft", in: Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln – Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft, herausgegeben von IDA-NRW.  zurück zum Inhalt
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