Der Begriff Migrationsgesellschaft ist im pädagogischen Bereich vor allem von Paul Mecheril im Zuge der Entwicklung der "migrationspädagogischen Perspektive" geprägt worden. Mecheril präferiert den Begriff "Migrationsgesellschaft" anderen vergleichbaren Kombinationen wie "Einwanderungsgesellschaft" oder "Zuwanderungsgesellschaft", weil der Begriff "Migration" ein weiter gefasstes Spektrum an (Wanderungs-)Phänomenen einschließt. 1 Hierzu zählt er:

  • Phänomene der Ein- und Auswanderung sowie der Pendelmigration
  • Formen regulärer und irregulärer Migration
  • Vermischung von Sprachen und kulturellen Praktiken als Folge von Wanderungen
  • Entstehung von Zwischenwelten und hybriden Identitäten
  • Phänomene der Zurechnung auf Fremdheit
  • Strukturen und Prozesse alltäglichen Rassismus
  • Konstruktionen des und der Fremden
  • Erschaffung neuer Formen von Ethnizität
  • migrationsgesellschaftliche Selbstthematisierungen: Diskurse über Migration oder "die Fremden"

Foroutan/Ikiz ( 2016:138) definieren den Begriff zusammenfassend als auf die durch Wanderungsbewegungen ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse bezogen. Weil Mecheril die genannten Phänomene aufgrund ihrer Wirkung und Bedeutung für Bildungsverläufe und Bildungsinstitutionen als bildungsrelevant einstuft, betrachtet er die Begriffe "Migration" und "Migrationsgesellschaft" "als terminologisch angemessene Referenzen pädagogischen Nachdenkens" (Mecheril 2010:11).

Quellen

Foroutan, Naika; Dilek, Ikiz (2016): Migrationsgesellschaft. In: Mecheril, Paul (Hg.): Handbuch Migrationspädagogik. Beltz Verlag. Weinheim und Basel 

Mecheril, Paul; Castro Valera, María de Mar; Dirim, Inci; Kalpaka, Annita; Melter, Claus (2010): Bachelor/Master Migrationspädagogik. Beltz Verlag. Weinheim und Basel


1 Der Begriff "Zuwanderung" beschreibe die migrationsgesellschaftlichen Wirklichkeit nicht zureichend, da er zum einen Formen wie Pendelmigration oder Auswanderung nicht einschließe und zum anderen suggeriere, "dass es sich bei Migrationsphänomenen um Phänomene handle, die zusätzlich und additiv zu etwas bereits Bestehenden hinzukämen". Den Begriffen Einwanderung und Einwanderungsgesellschaft spricht Mecheril zwar eine wichtige Funktion in ihrem historischen Gebrauchskontext Ende des 20. Jahrhunderts zu. Mit seiner Verwendung seien zum einen die dauerhafte Zughörigkeit und die Bürgerrechte eingewanderter Personen betont worden. Zum anderen sei er als politischer Gegenbegriff zu der damaligen Position offizieller Politik „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ wirksam gewesen. Doch auch der Begriff "Einwanderung" thematisiere die Wirklichkeit nur eingeschränkt, da er impliziere, dass Phänomene der Migration auf den Typ Immigration beschränkt seien, und somit "eher einem Verständnis von Gesellschaft als nationalstaatlichem Container" zuarbeite. Näheres siehe Mecheril 2016:13.
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