Was ist eine Migrant:innen-selbstorganisa-
tion (MSO)?

Was bedeutet Migrant:innenselbstorganisation (MSO)?

Der Begriff Migrant:innenselbstorganisation (MSO) bezeichnet Vereine, Initiativen, Netzwerke oder Gruppen, die von Migrant:innen selbst gegründet und unabhängig geleitet werden – also nicht von staatlichen Stellen, Wohlfahrtsverbänden oder externen Institutionen. MSO vertreten die Interessen migrantischer Communities und setzen sich für Gruppen ein, die rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Entscheidungen werden hier mehrheitlich von Menschen mit eigener oder familiärer Migrationserfahrung getroffen.1(BKMO 2022:2) Sie müssen keine bestimmte Rechtsform haben, wie beispielsweise als eingetragener Verein oder Dachverband, und sind oft als informelle Zusammenschlüsse organisiert.

In welchen Bereichen sind MSO aktiv?

Die Arbeit von MSO ist sehr vielfältig und zentral für unsere postmigrantische Gesellschaft: Sie leisten wichtige soziale Unterstützung, indem sie ihre Communities vernetzen und safer spaces2Safer Spaces sind geschützte Begegnungsorte für marginalisierte Gruppen, die bewusst ohne Einfluss dominanter Gruppen gestaltet werden sollen. Der Begriff "safer" signalisiert, dass absolute Sicherheit nicht erreichbar ist, sondern vielmehr ein vorübergehender Schutzraum gemeint ist. für Austausch und Empowerment schaffen. Ihr Arbeitsalltag reicht konkret von der Beratung in Bereichen wie Aufenthaltsrecht, Integration und Arbeitsmarkt über kulturelle Veranstaltungen und Sprachkurse bis hin zu politischer Advocacy3Advocacy bedeutet, sich als Fürsprecher:innen für die Interessen benachteiligter und marginalisierter Gruppen einzusetzen, um Politik und Gesellschaft zum Handeln zu bewegen – auf Basis von Vertrauen und gemeinsamen Zielen.. Als Bindeglied zwischen Community und Staat vertreten sie die politischen und sozialen Interessen ihrer Zielgruppen gegenüber Behörden, Medien und der Öffentlichkeit, engagieren sich gegen Rassismus und stärken politische Teilhabe.4(Ludger 2013)

Einzigartig und vielfältig

Das Besondere an MSO ist ihre Selbstbestimmung. Sie werden nicht von staatlichen Stellen oder externen Verbänden gesteuert, sondern entwickeln Ziele und Strukturen aus der Community heraus. Entscheidungen treffen Menschen mit eigener oder familiärer Migrationserfahrung – unabhängig davon, ob sie selbst eingewandert sind oder hier geboren wurden. Damit sprechen sie authentisch für ihre Anliegen, statt dass andere "für/über sie" entscheiden.5(Bağcı, Friedrich, Gerlach 2023: 24)

In Deutschland gibt es tausende dieser Gruppen auf lokaler und nationaler Ebene. Sie sind ein wichtiger Teil der Zivilgesellschaft: Sie schaffen sichere Räume, unterstützen bei Alltagsthemen wie Wohnung oder Arbeit und vertreten gleichzeitig die politischen Interessen ihrer Communities nach außen. MSO zeichnen sich besonders durch ihre Eigenständigkeit aus: Sie handeln aus eigener Kraft, oft wird ein großer Teil der Arbeit ehrenamtlich von den Communities getragen, und sie bauen Brücken zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte.6(Mualem Sultan & Friedrichs 2021)

Wie sind MSO entstanden?

Die Geschichte von Migrant:innenselbstorganisationen ist eng mit der Geschichte der Migration in Deutschland verbunden. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland.7(Mualem Sultan 2021) Mit Perspektive auf ganz Deutschland lässt sich die Geschichte grob in vier Stationen einteilen:

Seit den 1950ern – Zusammenhalt und Schutz

Als viele Menschen als sogenannte "Gastarbeiter:innen" nach Deutschland kamen, gründeten sie die ersten Gruppen. Anfangs dienten diese vor allem dem kulturellen Zusammenhalt, dem gegenseitigen Schutz vor Ausbeutung und dem Austausch über die Heimat, da man noch glaubte, nur kurz bleiben zu dürfen. In Ostdeutschland (DDR) waren offizielle Vereine damals verboten, doch es gab bereits inoffizielle Treffen. In Westdeutschland gründeten sich dagegen in den 1960er Jahren beispielsweise türkische Kulturvereine und spanische Elternvereine, um sich für bessere Schulen für ihre Kinder einzusetzen.8(Steinbach 2023: 17)

Ab 1973 – Der Weg zur politischen Stimme

Nachdem das Anwerben neuer Arbeitskräfte gestoppt wurde, blieben viele hier und holten ihre Familien nach. Das war der Wendepunkt: Viele Gruppen, die vorher hauptsächlich als Community-Treffpunkte dienten, wurden nun auch zu politischen Interessenvertretungen. Sie setzten sich für das Bleiberecht, Sicherheit sowie faire Arbeitsbedingungen ein und kämpften offen gegen Rassismus. Es entstanden erste bundesweite Verbände wie etwa der Verband der Vereine aus Kurdistan in Deutschland e.V. (KOMKAR) 1979 oder die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland e.V. (BAGIV) im Jahr 1985.

Seit den 1990ern – Brücken gegen Rechtsextremismus

In den 1990er Jahren, ausgelöst durch schwere rassistische und rechtsextreme Ausschreitungen wie in Rostock-Lichtenhagen oder Solingen, begann die deutsche Politik, die Bedeutung dieser Gruppen in einem anderen Licht zu sehen. Sie wurden nicht mehr nur als "fremde Gemeinschaften", sondern als wichtige "Brückenbauer:innen" wahrgenommen. Durch neue Gesetze und staatliche Förderprogramme professionalisierten sich viele Vereine, stellten Mitarbeiter:innen ein und bekamen eine feste Struktur.9(Berlinghoff 2018)

Heute – Vielfalt und professionelle Strukturen

Seit den 2000er Jahren hat sich viel verändert. Migrant:innenselbstorganisationen spiegeln heute eine enorme Vielfalt wider: Sie vertreten nicht mehr nur Gruppen mit Bezügen zu einem bestimmten Land, sondern auch Geflüchtete, Schwarze Deutsche, People of Color und Menschen aus der LGBTIQ+ Community. Sie betonen ihre vielfältige Identität und fordern gleichermaßen Teilhabe in Politik, Bildung und Medien ein.10(Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2026)

Migrantische und Postmigrantische Bewegung

Neben den hier beschriebenen MSO gibt es eine Vielzahl an postmigrantischen Organisationen, die sich teilweise sehr stark von MSO abgrenzen. Der Hauptunterschied liegt insbesondere im Selbstverständnis und in der Perspektive: Während klassische MSO oft von der ersten Einwanderungsgeneration zur Selbsthilfe gegründet wurden, fordern postmigrantische Organisationen als Menschen der zweiten und dritten Generation die gleichberechtigte Teilhabe an einer längst pluralen Gesellschaft.11(Naika Foroutan 2019) Das Netzwerk neue deutsche organisationen (ndo) steht exemplarisch für postmigrantische Bewegungen. Es wurde 2015 auf Initiative des Vereins Neue Deutsche Medienmacher*innen e. V. in Berlin gegründet und umfasst deutschlandweit mehr als 200 Initiativen und Organisationen. Die ndo engagieren sich für Vielfalt als Normalität und gegen Rassismus und treten für ein inklusives, chancengerechtes Deutschland ein. Im Zentrum der Arbeit des Netzwerks stehen die Themen Rassismus, Identität und Zugehörigkeit. Sie üben Kritik daran, dass Black, Indigenous and People of Color (BIPoC) sowie Menschen, die keine "typisch deutschen" Namen tragen, häufig als nicht Deutsch wahrgenommen und in der Folge diskriminiert werden.12(ndo)

Was sind aktuell Herausforderungen?

MSO sehen sich mit mehreren strukturellen Hürden konfrontiert, die ihre unabhängige Arbeit erschweren. Ein zentraler Punkt ist die finanzielle Unsicherheit: Da viele Gruppen kaum eigene Spenden einwerben können und politische Lobbyarbeit schwer zu finanzieren ist, sind sie stark auf öffentliche Fördermittel angewiesen. Diese Fördermittel werden jedoch oft nur als kurzfristige Projektmittel vergeben, nicht als stabile Grundfinanzierung. Das verhindert langfristige Planung und kann die inhaltliche Unabhängigkeit einschränken, wenn Organisationen sich an Vorgaben der Geldgeber anpassen müssen. Zudem zeigt sich eine deutliche Ungleichheit zwischen Regionen, wobei ländliche Räume im Vergleich zu städtischen Zentren oft weniger Ressourcen und Unterstützung erhalten.13(Steinbach 2023: 19)

Ein weiteres Problem liegt in der Repräsentation: Behörden oder Medien neigen dazu, MSO pauschal als "die Stimme aller Migrant:innen" zu betrachten. Dabei vertritt jede Organisation meist nur einen Ausschnitt einer Community. Diese Zuschreibung kann dazu führen, dass andere Perspektiven und Interessen innerhalb der diversen Gruppen überhört oder einfach ignoriert werden.

Inspiriert unter anderem durch Bewegungen wie Black Lives Matter legen viele Organisationen ihren Schwerpunkt mehr auf strukturellen Rassismus, Antirassismus oder Dekolonialisierung und weniger auf Themen wie Integration. Da aber die staatlichen Fördertöpfe eher auf klassische "Integrationsprojekte" zielen, sind sie oft hin- und hergerissen zwischen den eigenen politischen und vorgegebenen, aber dafür finanziell förderwürdigen Zielen.

Beispielorganisationen

Zum Weiterlesen

Quellen

Bağcı, Friedrich, Gerlach (2023): Migrationsgesellschaft Deutschland – komplexe Realitäten brauchen ein gemeinsames Arbeiten. In: Migrationsgesellschaft im Wandel – Impulse und Perspektiven aus der Praxis des Kompetenznetzwerks Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft. Türkische Gemeinde in Deutschland. S. 23-27. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 09.06.2026)

Berlinghoff, M. (2018): Geschichte der Migration in Deutschland. In: Dossier: Migration. Bundeszentrale für politische Bildung. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 05.06.2026)

BKMO (2025): Positionspapier der Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) zu den Koalitionsverhandlungen der Bundesregierung. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 05.06.2026)

Foroutan, N. (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie. transcript: Bielefeld.

Mualem Sultan, M. (2021): Migrantenorganisationen in Zeiten der Wiedervereinigung. In: Dossier: Migrantische Perspektiven auf die Deutsche Einheit. Bundeszentrale für politische Bildung. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 09.06.2026)

Mualem Sultan, M.; Friedrichs, N. (2021): Migrantenorganisationen – vielfältige Akteurinnen gesamtgesellschaftlicher Integration. In: Kurzdossier: Zivilgesellschaftliches Engagement in der Migrationsgesellschaft. Bundeszentrale für politische Bildung. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 05.06.2026)

ndo: Unsere Forderungen. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 09.06.2026)

Pries, L. (2013): Migrantenselbstorganisationen – Umfang, Strukturen, Bedeutung. Kurzdossier. Bundeszentrale für politische Bildung. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 05.06.2026).

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (2026): Migrantenorganisationen. Link zum Glossar (letzter Aufruf: 05.06.2026)

Steinbach, S. (2023): Auf dem Weg zu politischer Anerkennung – Migrantische Selbstorganisation in Deutschland. In: Wer ist die Zivilgesellschaft? Migrantinnenorganisationen und Mobile Beratung im Dialog. Bundesverband Mobile Beratung. S. 17–22. Link zur Publikation (letzter Aufruf: 09.06.2026)

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