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Social Media Interventions!

Rechtsextremen Geschlechterpolitiken im Netz begegnen

Während Geschlechterrollen und -verhältnisse durch rechte Bewegungen lange Zeit eher implizit thematisiert wurden, werden sie in den letzten Jahren (erneut) explizit besetzt. Breit medial und öffentlich diskutiert werden Positionen, die sich eine Re-Traditionalisierung von Geschlechterbildern und -rollen wünschen, Feminismus und seine Errungenschaften sowie staatliche Gleichstellungspolitiken als übertrieben oder unnötig einstufen und die Akzeptanz aller geschlechtlichen und sexuellen Lebens- und Liebensweisen ablehnen bzw. darauf abzielende Politiken als zu weitgehend oder illegitim erachten. Diese Positionen mobilisieren Menschen aus unterschiedlichen politischen Spektren und fungieren als Scharniere: Sie verbinden rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen mit konservativen Milieus und haben enorme Strahlkraft bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein. Die breiten Bündnisse, die sich so ergeben, bedrohen Errungenschaften demokratischer und gesellschaftlicher Freiheit und Gleichstellung. Ihren Positionen gilt es alternative Narrative und Forderungen entgegenzusetzen.

Das Projekt Social Media Interventions! geht von der Grundüberzeugung aus, dass alle Menschen ein Recht auf Gleichbehandlung, Respekt, gesellschaftliche Teilhabe und freie Entfaltung ihrer Identität haben. Dies bedeutet, dass eine „Gesellschaft der Vielen“, in der Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit gleichberechtigt miteinander leben, möglich und notwendig ist. Das Aushalten und Aushandeln von Spannungen, die sich aus verschiedenen Lebensentwürfen ergeben, sieht das Projekt als ständige Aufgabe der Gesellschaft und jeder_s Einzelnen.
In Kontrast dazu werden Herrschaftsverhältnisse und Ungleichbehandlungen derzeit durch (konstruierte) Unterschiede und Hierarchien gerechtfertigt. Menschen werden aufgrund ihrer (vermeintlichen) Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausgegrenzt. Das Projekt will Diskriminierung entgegenwirken und Aktive unterstützen, um das Recht aller auf Teilhabe und Gleichberechtigung zu stärken. Der Fokus liegt dabei auf Sexismus, Homofeindlichkeit, Trans*feindlichkeit und Inter*feindlichkeit, während die Mehrdimensionalität und Verschränkungen dieser und anderer Diskriminierungs- und Machtverhältnisse (u.a. Rassismus, Klassismus, antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit) Berücksichtigung finden sollen.
Das Projekt entwickelt eine Kombination aus Online- und Offline-Angeboten, um:

  • Argumente gegen antifeministische, rechtsextreme Positionen (zu den Themen Geschlecht und sexuelle Vielfalt, Rechte von trans* und inter* Personen, Familienbilder, körperliche Selbstbestimmung, Gleichstellungs- und Bevölkerungspolitiken, sexualpädagogische Aufklärung in Schulen, Verankerung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Bildungsplänen u. ä.) netzadäquat aufzubereiten und in gebündelter, niedrigschwelliger Form zugänglich zu machen;
  • Hate Speech im Netz aktiv entgegen zu treten; 
  • alternative Narrative und Visionen einer demokratischen, Vielfalt wertschätzenden Gesellschaft aufzuzeigen und zu verbreiten;
  • Jugendliche und Erwachsene für gesellschaftliche Diskriminierungsverhältnisse, insbesondere Sexismus und Heteronormativität, zu sensibilisieren;
  • Jugendlichen Kompetenzen im Umgang mit Sozialen Medien und Hate Speech zu vermitteln;
  • Netzaktivist_innen zu vernetzen und in ihrem Engagement zu unterstützen;
  • und pädagogische Fachkräfte zu antifeministischen Positionen und Hate Speech weiterzubilden sowie dazu zu befähigen, mit Jugendlichen zu diesen Themen zu arbeiten.

Hate Speech (Hassrede) im Netz begreift das Projekt als digitale Gewalt, beispielsweise in Form von Beleidigungen, Drohungen oder Belästigungen. Hate Speech richtet sich gegen Personen, die einer bestimmten Gruppe angehören oder ihr zugeordnet werden. Menschen erfahren Hate Speech u.a. aufgrund ihrer Hautfarbe oder (vermeintlichen) Herkunft, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung oder ihres Körpers. Hate Speech ist demnach nicht mit Cyber-Mobbing gleich zu setzen – Cyber-Mobbing, Beleidigungen und Shitstorms können prinzipiell alle Menschen treffen – und ist kein reines Netzphänomen: Hassrede beruht vielmehr auf und speist sich aus den realen Macht- und Diskriminierungsverhältnissen unserer Gesellschaft. Das Projekt versucht daher, Ansätze zu schaffen und zu stärken, die gesellschaftliche Machtverhältnisse kritisch reflektieren, den Abbau von Diskriminierung zum Ziel haben und sich mit den Menschen solidarisieren, die online wie offline Diskriminierung erfahren.

Ablauf 

Das Projekt wird im Zeitraum September 2017 bis Dezember 2019 durchgeführt.
 
I. Gegennarrative und Argumentationshilfen
2017/2018 werden, um Betroffene und Unterstützer_innen zu stärken, Argumentationshilfen, Möglichkeiten der Gegenrede und Gegenerzählungen zu sexistischen, homo-, trans* und inter*feindlichen Positionen zusammengestellt und netzadäquat aufbereitet. Diese Inhalte werden 2018 über eine Kampagnenwebsite zugänglich gemacht.
Unter Gegenrede – englisch Counterspeech – werden Antworten auf diskriminierende, abwertende und rechtspopulistische Inhalte verstanden. Gegenrede kann dabei inhaltlich Gegenposition beziehen aber auch die Strategie hinter rechten und Hasskommentaren entlarven. Gegenrede wird allerdings häufig mit Beleidigungen und Bedrohungen begegnet. Wichtiger scheint es daher, Gegennarrative zu stärken und zu verbreiten. Gegennarrative oder Gegenerzählungen – englisch Counternarratives – sind Erzählungen, die eine andere Deutung von Welt und Geschehnissen anbieten. Durch Erzählungen werden Ereignisse in einen logischen Sinnzusammenhang gebracht, der die Bewertung und damit auch die Reaktion einer Person beeinflusst. Gegennarrative bieten Weltdeutungen, die für Gleichberechtigung und Gleichstellung, für eine offene und vielfältige Gesellschaft und gegen Hass und Ausgrenzung stehen.
Soziale Medien und Netzwelten sind nicht nur Plattform für Hass. Sie werden auch in ihrer positiven Funktion als Plattform für Vernetzung, Austausch und Empowerment genutzt, gerade für Menschen, die Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren oder mit ihren Zugehörigkeiten unsichtbar bleiben (müssen), also beispielsweise für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen (besonders im ländlichen Raum). Diesen stärkenden und identitätsstiftenden Charakter Sozialer Medien möchte das Projekt stärken.

II. Übertragung ins Netz: Facebook
Um die Inhalte der Kampagnenwebsite sichtbar und niedrigschwellig zugänglich zu machen, wird neben der Website eine Facebookseite erstellt. Die Website ist eigenständig nutzbar, dient aber gleichzeitig als vertiefender Link zur Facebookseite.
Im zweiten Halbjahr 2018 wird außerdem eine Kampagne über Facebook durchgeführt. Hierfür werden die Inhalte der Website sowie  Memes, Comics, Videos und kurze Texte in regelmäßigen Abständen auf Facebook eingespeist. Bereits bekannte Youtuber_innen, Blogger_innen und andere Multiplikator_innen und Kooperationspartner_innen werden Beiträge beisteuern und die Kampagne unterstützen.
 
III. Workshops für Jugendliche und Erwachsene
2019 werden Pilot-Workshops für Jugendliche und junge Erwachsene einerseits und pädagogisch Tätige andererseits entwickelt und im schulischen und außerschulischen Kontext umgesetzt. Die Workshops finden in Brandenburg, Sachsen und Berlin statt. Erkenntnisse aus der Kampagne werden in die Konzeption und Durchführung der Workshops einbezogen, die Website mit Argumentationshilfen als Tool zur Verfügung gestellt.
Jugendliche und junge Erwachsene sollen über Themen rund um Geschlecht, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in einen Austausch kommen, der demokratisch und vielfaltsorientiert geführt wird. So werden sie für rechtspopulistische Ansprachen in Sozialen Medien sensibilisiert, von Hate Speech Betroffene werden gestärkt. Weitere zentrale Bestandteile der Workshops sind die Stärkung von Medienkompetenz und der aktive Umgang mit Ansprachen und Angriffen im Netz.
Pädagogisch Tätige werden als Multiplikator_innen dazu befähigt, Jugendliche im Umgang mit Sozialen Medien zu unterstützen und mit ihnen zu den Themen des Projekts zu arbeiten.
Eine Abschlussveranstaltung wird das Projekt Ende 2019 beschließen.

Gelingensfaktoren

Grundsätzlich ist es, um online Inhalte zu platzieren, wichtig, die Funktionsweise und -logiken der genutzten Plattformen gut zu kennen und zu nutzen – nicht lediglich analoge Inhalte zu digitalisieren. Darüber hinaus ist eine gute Vernetzung mit Aktivist_innen, Kanälen, Influencer_innen und anderen Akteur_innen zentral, um die Reichweite der eingespeisten Inhalte zu erhöhen. Wie auch im Offline-Bereich sollten Angebote an verschiedene Zielgruppen entsprechend angepasst sein.

Lessons Learned 

Der Hass im Netz kann und sollte nicht unabhängig von gesellschaftlichen Diskriminierungsstrukturen betrachtet und bearbeitet werden. Ein Großteil der Menschen, die online mit Hate Speech konfrontiert werden, erlebt auch offline Diskriminierung (aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, tatsächlicher oder angenommener Herkunft, Religion, Behinderung, etc.). In der praktischen Umsetzung ist vor allem die Suchmaschinenoptimierung wichtig und sollte genutzt werden – gerade, wenn es wie im Projekt „Social Media Interventions!“ darum geht, rechtsextremen und antifeministischen Positionen sowie Hassrede im Netz alternative Deutungsangebote entgegen zu setzen. Viele Menschen resignieren angesichts der Masse an hasserfüllten Inhalten im Netz. Es gilt daher weiterhin, Zivilcourage im Netz zu fördern und Menschen zu stärken, die sich online für andere einsetzen. Das Projekt hat gezeigt, dass dabei ein anhaltend großer Bedarf nach Fort- und Weiterbildungen zu den Themen Netzwelten, Sozialen Medien, Hate Speech etc. besteht.

Projekt: Social Media Interventions! - rechtsextremen Geschlechterpolitiken im Netz begegnen

Ziel: Stärkung des Engagements gegen vielfaltsfeindliche, sexistische, homo-, trans*- und inter*feindliche Positionen im Netz und Hate Speech (Hassrede)

Zielgruppe: Multiplikator_innen; pädagogische Fachkräfte; Jugendliche; von Hate Speech betroffene Menschen (insbesondere Frauen, lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Personen); Netzaktivist_innen

Laufzeit: 2017–2019

Ansprechpartner:

Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V.
Allee der Kosmonauten 67

12681 Berlin
www.somi.dissens.de
www.facebook.com/dissens.de
socialmediainterventions@dissens.de
Bernard Könnecke
Ulla Wittenzellner
Sarah Klemm
Tel: 0 30 / 54 98 75-37

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